Die Prozession an Christi Himmelfahrt und das Ehrenmal auf dem Wachtberg
Eine Tradition, die seit nunmehr 80 Jahren gepflegt wird, ist die Prozession des Drachenfelser Ländchens zum Ehrenmal auf dem Wachtberg. Es ist der Dank der Ländchenbewohner dafür, dass ihre Heimat in den Weltkriegen von Zerstörung weitgehend verschont geblieben ist - gleichzeitig aber auch die Bitte, dass das auch in Zukunft so bleiben möge.
Das Wachtbergehrenmal
Seit 1921 bildet das Ehrenmal auf dem Wachtberg einen zentralen Punkt für die Dörfer des Drachenfelser Ländchens, früher der Bürgermeisterei Villip, heute der Gemeinde Wachtberg. Schon 1915, also noch mitten im Krieg, hatte Bürgermeister Hackenbroch mit den Planungen begonnen. Franz Brantzky (1871 – 1945), seinerzeit ein Kölner „Stararchitekt“, entwarf eine Anlage, die anlässlich der Grundsteinlegung wie folgt beschrieben wurde: „Von Bäumen umstanden, erhebt sich eine niedrige ringförmige Mauer, die ihren Abschluß in einer noch später zu errichtenden Kapelle findet. In diesen Kreis sind vierzehn Stationen des Leidensweges Christi, einfache Steinblöcke, aufgestellt. Die Steine tragen die Namen der gefallenen Krieger der vierzehn Gemeinden der Bürgermeisterei. Die ganze Anlage fügt sich harmonisch in den Charakter der Landschaft ein und vermeidet jeden überflüssigen und sinnwidrigen Prunk.“
Karl Bleibtreu, Besitzer des Berkumer Domsteinbruchs, stellte das Material zur Verfügung, während die Familie Guilleaume von Burg Gudenau zwei Drittel der Baukosten übernahm. Transportdienste und vieles andere wurde kostenlos von der Einwohnerschaft geleistet. Die Bildwerke schuf der Kölner Bildhauer Wilhelm Barutzky (1873 – 1962). Im Mai 1921 fand die Grundsteinlegung statt, und bereits am 18. September desselben Jahres folgte die feierliche Einweihung mit einer Menschenmenge, „die nach Tausenden gezählt werden konnte“ - wohl das größte Fest, das die Dörfer der Gemeinde Wachtberg jemals erlebt haben.
Nach 1969 wurde das Ehrenmal um die Namen der Gefallenen der Dörfer Adendorf, Arzdorf und Fritzdorf ergänzt. 2011 wurde eine Tafel angebracht, die an alle Opfer von Gewaltherrschaft und Terror mahnt. Es zeigt sich darin, dass das Ehrenmal nach wie vor eine große identitätsstiftende Bedeutung für die Gemeinde hat, gleichzeitig aber auch zukunftsweisend den Wandel von einer Stätte des „Heldengedenkens“ hin zu einem Mahnmal für Frieden, Toleranz und friedlicher Koexistenz vollzogen hat. Und sich nicht zuletzt als Standort der mit einer Dankprozession verbundenen jährlichen Pferde- und Tiersegnung bis heute großer Beliebtheit erfreut.
Die Prozession zum Wachtbergehrenmal
Erstmals durchgeführt wurde die Wachtbergprozession im Frühjahr 1946. Pfarrer Dr. Leonhardt Tesch notierte damals in der Berkumer Pfarrchronik: „Da Gott uns im Krieg und besonders beim Schlusse gnädig beschützt hatte, wollten wir Gott besonders für seinen Schutz danken und bitten, uns weiter im Ländchen zu beschirmen. Deshalb wollen wir alle Jahre um Christi Himmelfahrt zum Wachtberg ziehen und dort ein Dankopfer halten mit Festpredigt, und zwar als Ritt, wie in Deutschland noch 2 – 300 gehalten werden. Reiter, Wagen und Fußgänger ziehen von den einzelnen Pfarren oder Orten in geschlossenem Zug zum Wachtberg. Über dem Eingang der Ringmauer wird ein Altar gebaut; von dort aus wird auch gepredigt. Alte und schwache leute können auf den Wagen sitzend mitfeiern, so dass solche Leute, die sonst nicht zur Kirche kommen konnten, wieder dabei sein können. 1946 zogen wir nach Christi Himmelfahrt, weil die Genehmigung nicht früher eintraf.“
An Gottesdienst und Kranzniederlegung schließt sich die traditionelle Tiersegnung an. Aus dem Jahr 1956 stammt folgender Bericht: „Einmal im Jahr, am Tage der Himmelfahrt Christi, pilgert die Bevölkerung des ganzen Drachenfelser Ländchens geschlossen zum Wachtberg hinauf, um dem Herrn ihren Dank abzustatten für die Verschonung der Heimat vor den Schrecken des letzten Weltkrieges. Die Bewohner von Niederbachem und Oberbachem, von Liessem und Gimmersdorf, von Holzem, Züllichhoven und Kürrighoven, von Werthhoven und Berkum, von Pech, Villip und Villiprott ziehen unter Glockenklang, mit berittenen Messdienern, mit Reitern und Wagen, mit Wimpeln, Bannern und Fahnen zu diesem Ehrenmal, wo sie an dem feierlichen Opfer und der Ehrung für die Gefallenen teilnehmen, die durch Männerchöre und durch Predigt im Freien verschönert wird. Während der Ehrung legen die einzelnen (Orts-) Bürgermeister an den Gedenksteinen ihrer Gemeinden Kränze nieder“. (Friedrich Albert Groeteken: Geschichte Godesbergs – Bd. II)
An Gottesdienst, Ansprache des Bürgermeisters und Kranzniederlegung schließt sich die Tiersegnung an. In den Anfangsjahren wurde das Messopfer auf einem überdachten Altar über dem Eingang der Ringmauer dargebracht. Dombaumeister Willy Weyres hatte sogar einen Entwurf für eine dauerhafte Steinkonstruktion gezeichnet, jedoch scheiterte dieses Vorhaben am Materialmangel der Nachkriegszeit. Seit 1969 beteiligen sich auch die damals zu der neu gegründeten Gemeinde Wachtberg hinzugekommenen Dörfer Adendorf, Arzdorf und Fritzdorf an der Prozession.
War es früher üblich, im dunklen Anzug oder feinem Kleid an der feierlichen Veranstaltung teilzunehmen, so geht es inzwischen deutlich bunter und lockerer zu. Heute ist die Wachtbergprozession mit der Tiersegnung zu einer fröhlichen Zusammenkunft für die Bewohner der Gemeinde Wachtberg und des Umlandes geworden, die bei oft strahlendem Sonnenschein den Blick bis hin zum Siebengebirge genießen können.
(Frank Hüllen)